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Diagnostische Kategorien

 

In meiner Tätigkeit als Direktor der psychiatrischen Abteilung im Stanford Hospital vertraute ich auf die Diagnose, um die richtige Entscheidung für eine effektive pharmakologische Behandlung zu treffen. Aber meine praktische, psychotherapeutische Erfahrung der letzten vierzig Iahre mit weniger schwer gestörten Patienten zeigte, dass der diagnostische Prozess weitgehend irrelevant ist, und ich gelangte zu der Auffassung, dass die Verrenkungen, die wir Psychotherapeuten anstellen müssen, um die Anforderungen der Krankenversicherungen nach einer präzisen Diagnose zu erfüllen, sowohl für den Therapeuten als auch für den Patienten von Nachteil sind. In der Diagnostik setzen wir das Messer nicht an den Gelenken der Natur an, wie Plato es ausdrückt, wir halten uns also nicht an die Vorgaben der Natur. Diagnostische Kategorien sind von Menschen ausgedacht und willkürlich; sie sind Ergebnisse von Abstimmungen in Ausschüssen und werden in jedem neuen Jahrzehnt in nicht unerheblichem Maß überarbeitet.

Aber mein Gespräch mit Helena öffnete mir die Augen dafür, dass die Aufgabe, eine formelle Diagnose zu erstellen, nicht einfach nur ein Ärgernis ist. Sie kann unsere Arbeit sogar behindern, indem sie den vielschichtigen Menschen, der uns in unserer Praxis in Fleisch und Blut gegenübertritt, verschleiert, ja sogar negiert …

Quelle: Aus dem Buch “Denn alles ist vergänglich – Geschichten aus der Psychotherapie” von Irvin D. Yalom

 

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