Transgenerationale Traumata durch Krieg

 

Im Laufe meiner Arbeit sind mir einige Familien begegnet, die sich mit den Folgen des zweiten Weltkrieges beschäftigten. Auffallend war nicht selten, dass diejenigen, die selbst den Krieg miterlebt und überlebt hatten, häufig ein hohes Lebensalter erreicht hatten. Trotz aller Qualen im Krieg wurden die Betroffenen 80, 90 Jahre oder sogar älter. Hingegen wurden ihre Kinder manchmal nur halb so alt, obwohl sie in friedlichen Zeiten aufwuchsen. Wie lässt sich das möglicherweise erklären?

Viele der alten Leute erzählten, dass sie in intakten Beziehungen groß geworden waren, bis der Krieg ausbrach. Sie selbst hatten also möglicherweise noch einen weitgehend gesunden Frühstart ins Leben, auch wenn sich die schweren Zeiten schon anbahnten. Durch die schweren Traumatisierungen, die sie im Krieg erlitten hatten, wurden sie jedoch häufig zu Eltern, die sich aufgrund von posttraumatischen Belastungsstörungen nicht mehr ihren eigenen Babys so widmen konnten, wie Babys es normalerweise bräuchten.

Die Wissenschaftler Kjerstin Almqvist und Anders Broberg (2003) untersuchten Mütter und Kinder nach dem Kosovo-Krieg. Sie stellten fest, dass die Mütter sehr zerbrechliche Vorstellungen (“Repräsentationen”) von sich selbst hatten, aber auch von der Mutter-Kind-Zweierschaft. Die Mütter hielten sich nicht mehr für fähig, ihre Kinder zu schützen. Die Kinder hingegen zeigten infolge der Kriegserfahrungen ein erhöhtes Bindungsbedürfnis, das die traumatisierten Mütter wiederum als bedrohliche Trigger empfanden. Sie konnten sich somit nicht mehr aufmerksam ihren Kindern zuwenden. Die Kinder der Kriegstraumatisierten wurden also schon oft im Säuglingsalter durch ihre kriegsgeschädigten Mütter traumatisiert. Sie schleppten das Trauma des Krieges sozusagen in unsichtbarer Form mit und zwar von Anfang an.

Süchte und Suizid oder Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führten dann bei den Kindern der Kriegstraumatisierten dazu, dass sie früher starben als ihre Eltern, die selbst das Kriegstrauma direkt erlebt hatten, aber die sozusagen noch mit der Basis von gesunden frühen Erfahrungen groß geworden sind. Ob man diese Schlüsse wirklich so ziehen kann, ist natürlich fraglich. Zu viele Faktoren spielen bei der Frage nach der Kriegstraumatisierung eine Rolle. Für Diejenigen, die im Krieg starben, war das, was sie erlebten, direkt tödlich.

Quelle: Textauszug aus dem Buch von Dr. med. Dunja Voos “Schatten der Vergangenheit – Trauma liebevoll heilen und innere Balance finden”

 

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Traumata werden zur Psychose

 

Eine so genannte Psychose ist nun nichts anderes als die Wiederholung der als Kind erlebten Grausamkeiten in verschlüsselter Form. Die existenzielle Angst zum Beispiel, sprich: Todesangst von damals, wird wieder erlebt als Todesangst. Es sind nun freilich nicht mehr die Eltern, die damals fast die ganze Welt für den kleinen Menschen bedeuteten, die jetzt drohen und kontrollieren und missbrauchen und einem Gewalt antun, es ist die Welt des Erwachsenen. Der Busfahrer heckt ein Mordkomplott aus, die Muster in der Tapete fordern einen dazu auf, sich Schaden zuzufügen oder die Stimmen im Kopf quälen ihn. Die Wiederholung der Kindheit in verschlüsselter Form ist eine Regression der Psyche, die darauf abzielt, nun endlich Hilfe zu erfahren. So existenziell die Ängste und das Verlassensein als Kind waren, so existenziell bedrohlich ist die Umwelt und so von Allen verlassen erlebt der Mensch sich in der Psychose. Oft so unvorstellbar und nicht nachvollziehbar, weil der Leidende gar nicht mehr zwischen sich und der Außenwelt unterscheiden kann, so wie das auch in der Frühphase der Kindheit der Fall ist. Besonders tragisch ist nun, dass er von seiner Umwelt wiederum keine Hilfe, keine Nestwärme, sondern wieder Bestrafung erfährt.

Diese Zusammenhänge sind offensichtlich und seit Langem bekannt. Die Ignoranz, die in breiter Front bei Fachärzten, Therapeuten, Angehörigen und tatsächlich auch bei Betroffenen auszumachen ist, grenzt an Blindheit und ist nur dadurch zu erklären, dass man nicht bereit oder in der Lage ist, sich der eigenen Kindheit zu stellen.

Quelle: Psychose und Trauma – Klein 2004

 

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Einweisung durch falsche Fremdanamnese

 

Werden zu viele Menschen ohne triftigen Grund in die Psychiatrie eingewiesen? Mindestens ein Drittel aller Zwangseinweisungen, so schätzen Experten, dienen nicht dem Patienten. Sie nutzen allein denen, die an einer Entsorgung der nur vermeintlich psychisch Kranken interessiert sind.

 

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Diagnostische Kategorien

 

In meiner Tätigkeit als Direktor der psychiatrischen Abteilung im Stanford Hospital vertraute ich auf die Diagnose, um die richtige Entscheidung für eine effektive pharmakologische Behandlung zu treffen. Aber meine praktische, psychotherapeutische Erfahrung der letzten vierzig Iahre mit weniger schwer gestörten Patienten zeigte, dass der diagnostische Prozess weitgehend irrelevant ist, und ich gelangte zu der Auffassung, dass die Verrenkungen, die wir Psychotherapeuten anstellen müssen, um die Anforderungen der Krankenversicherungen nach einer präzisen Diagnose zu erfüllen, sowohl für den Therapeuten als auch für den Patienten von Nachteil sind. In der Diagnostik setzen wir das Messer nicht an den Gelenken der Natur an, wie Plato es ausdrückt, wir halten uns also nicht an die Vorgaben der Natur. Diagnostische Kategorien sind von Menschen ausgedacht und willkürlich; sie sind Ergebnisse von Abstimmungen in Ausschüssen und werden in jedem neuen Jahrzehnt in nicht unerheblichem Maß überarbeitet.

Aber mein Gespräch mit Helena öffnete mir die Augen dafür, dass die Aufgabe, eine formelle Diagnose zu erstellen, nicht einfach nur ein Ärgernis ist. Sie kann unsere Arbeit sogar behindern, indem sie den vielschichtigen Menschen, der uns in unserer Praxis in Fleisch und Blut gegenübertritt, verschleiert, ja sogar negiert …

Quelle: Aus dem Buch “Denn alles ist vergänglich – Geschichten aus der Psychotherapie” von Irvin D. Yalom

 

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